Es ist kein großer Zauber – einfach nur miteinander reden

Treffen sich zwei, gewinnen alle

Teil 3 – Es ist kein großer Zauber –  einfach nur miteinander reden.

Aufgeschrieben von Rose-Marie Hoffmann-Riem.

(Dieses Interview als PDF lesen)

Ein bekanntes Sprichwort lautet: Die besten Geschichten schreibt das Leben. Unsere heutige GelingensGeschichte beweist, dass mehr als ein Korn Wahrheit in diesem Spruch steckt. Denn sie berührt und muntert auf, sie holt uns auf den Boden der Tatsachen und lässt uns gleichzeitig hoffen. Letztendlich zeigt sie aber, wie wichtig es ist, dass Menschen sich gegenseitig unterstützen und, dass die kleinen Gesten oft die wichtigsten sind.

In unserer Kolumne greifen wir jeden Monat die Tradition des Geschichten Erzählens auf, denn sie funktioniert überall gleich – sie bringt Menschen zusammen. Unsere Geschichten machen Mut, denn sie bestätigen: Treffen sich zwei, gewinnen alle!

Das Tandem

Mein Name ist Axel, ich bin 46 Jahre alt, von Beruf Journalist und schon seit fast vier Jahren Flüchtlingsbegleiter. Shahabedin war mein erster Kontakt vor vier Jahren.

Mein Name ist Shahabedin, ich bin 20 Jahre alt. Ende Dezember 2014 bin ich nach Deutschland gekommen. Da war ich gerade 16 Jahre alt. Zurzeit mache ich eine Ausbildung, davor habe ich meinen ersten Schulabschluss bestanden.

Die Fragen

BHFI:

Ihr habt Euch in der Kollaustraße* kennengelernt?

Shahabedin:

Ja, aber zuerst war ich über einen Monat lang in der Sengelmannstraße.** Wir waren so ungefähr achtzig Personen in dieser Basketballhalle. Wir hatten aber schon ein eigenes Bett, abgetrennt mit Laken.

BHFI:

Und die Kollaustraße war auch für unbegleitete Minderjährige?

Axel:

Ja, genau. Die Mitarbeiter von der Sengelmannstraße haben die Jungs Ende 2014 meistens von der Polizei übernommen. Die wiederum haben die Jugendlichen in der Regel am Hauptbahnhof aufgelesen. Später in der EVE 1 (Kollaustraße) war das dann schon alles organisierter mit Zwei- und Dreibettzimmern.

Shahabedin:

Ja,das war sehr viel besser – und – in der Kollaustraße konnten wir dann selbst kochen.

Axel:

Und mittlerweile ist er ein ganz, ganz toller Koch. (beide lachen)

Shahabedin:

Ja, das habe ich alles in Deutschland gelernt. Ich habe fast einen Monat nur Pommes gegessen, ich konnte ja nicht kochen. Langsam habe ich alles gelernt.

BHFI:

Und Ihr habt Euch kennengelernt in der Kollaustraße, weil Du, Axel, dort als Flüchtlingshelfer schon im Einsatz warst?

Das Kennenlernen

Axel:

Nein, ich hatte die Sozialbehörde angeschrieben und gesagt, ich würde mich gerne um jemanden kümmern, der dort in dem Jugendheim keine richtige Beachtung findet. Die Hauptamtlichen müssen sich natürlich eher um die kümmern, die verhaltensauffällig sind und besonders viel Aufmerksamkeit brauchen. Ich wollte mich gerne um die kümmern, die dadurch ein bisschen zu kurz kommen. Und genauso war das mit Shahabedin, als ich ihn kennenlernte.

BHFI:

Und wie muss ich mir das denn vorstellen, Du bist auf Shahabedin zugegangen und hast gesagt „Hallo, ich bin Axel“?

Shahabedin:

Nein, das war nicht so. Wir hatten immer donnerstags ein Gespräch mit unserer Betreuerin, und Axel war eingeladen in unseren Kreis, und wir konnten ihn alle kennenlernen.

Axel:

Ich habe einfach versucht, mit Shahabedin irgendwie zu reden. Er konnte ein bisschen Englisch.

Shahabedin:

Mein Englisch war ja nicht so gut, ich habe meistens den Translator von meiner Muttersprache in Englisch genutzt.

Axel:

Eigentlich habe ich mehr mit dem Smartphone gesprochen als mit Shahab. (Beide lachen immer noch sehr über dieses erste gemeinsame Erlebnis.) Ich habe mich neben ihn gesetzt und wir haben dann versucht, mit Händen und Füßen zu reden. Und dann haben wir uns für die folgende Woche zum Spazierengehen verabredet.

Shahabedin:

Ich musste mit den Betreuern fast sechs Monate mit Händen sprechen. Wir hatten immer samstags in der Kollaustraße Unterricht, aber das war nur eine Stunde. Und das war mit 20 Leuten so laut und man konnte nicht so richtig lernen. Auf meinen Deutschkurs habe ich fast zwei Monate gewartet. Aber nach sechs Monaten konnte ich dann schon ein bisschen was sagen.

Kein „normaler“ Afghane

Axel:

Für Shahabedin kam noch die Schwierigkeit dazu, dass er ein usbekischer Afghane ist und das ist eine andere Sprache als das „normale“ Afghanisch. Es gibt keinen einzigen Dolmetscher hier in Hamburg für dieses usbekische Afghanisch. Und das erste halbe Jahr wurde ihm immer gesagt: Du bist doch Afghane, unterhalte Dich doch mit den anderen Afghanen. Aber das konntest Du gar nicht.

BHFI:

Wie war das denn für Dich, Shahabedin: Da kommt ein Deutscher und sagt, ich habe Interesse daran, Dich zu unterstützen?

Shahabedin:

Ich habe am Anfang gedacht, Axel ist eine Person vom Amt. Ich habe gedacht, er will irgendwas rausnehmen (verbessert sich) ich meine, rauskriegen. Aber ich habe mir gesagt, egal. Ich habe es bis hierher geschafft und das ist eine weitere Chance. Ich habe gedacht, Hauptsache, ich bin in Deutschland. Ich glaube, vielleicht das war für Axel auch schwer, das erste Mal mit einem Flüchtling Kontakt zu haben und für uns ist es auch nicht einfach, wenn ein Deutscher so einfach kommt und dann Kontakt zu machen. Für beide Seiten ist es nicht einfach. Und danach ist es wie Familie gewesen. Und jetzt bin ich offen mit Axel, offen wie mit meiner Familie.

BHFI:

Ihr kennt Euch jetzt drei Jahre?

Shahabedin und Axel wie aus einem Mund:

Nein, fast vier Jahre. (Sie strahlen sich beide an)

Axel:

Er hat mir so viele Sachen von seiner Heimat erzählt, die ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte. Usbekisches Afghanistan ist der oberste Norden von Afghanistan, zehn Stunden von der Hauptstadt Kabul entfernt. Eine wirklich ganz andere Welt.

BHFI:

Kannst Du ein Beispiel sagen?

Shahabedin:

Ich hatte keine Chance richtig zur Schule zu gehen, das war einfach nur ein Dorf und es gab keine Möglichkeiten. In Deutschland gibt es auch Dörfer, aber man kann alles finden. Alle müssen zur Schule, es gibt ein Krankenhaus. Aber bei uns, wenn jemand krank wird, er muss in ein anderes Land oder in eine andere Stadt gehen. Und es war einfach sehr gefährlich. Wenig Sicherheit, es war nicht so einfach.

Axel:

Also eigentlich ist deine Geschichte sehr… (guckt ihn fragend an), darf ich die Geschichte in zwei Sätzen erzählen? (Shahabedin nickt) Also eigentlich hat Shahabedin mit seinem couragierten Verhalten einen Terroranschlag verhindert im Regierungsviertel in Kabul. Dadurch, dass er geflüchtet ist, konnten die Taliban diesen Anschlag nicht ausführen. Sie haben deshalb ein großes Interesse, ihn zu finden. (Lange Pause)

Das ist der Hintergrund. Deswegen musste er weg. (Wendet sich zu ihm:) „Als Du weg musstest,wusstest Du gar nicht, was Europa ist“.

Shahabedin:

Ich wusste nicht, wohin ich gehen werde. Ich bin einfach mitgefahren. Nach fast vier Monate bin ich in Deutschland angekommen. Es war um zwölf Uhr in der Nacht, es hat nur geregnet. Ich wusste nur, ich bin in Hamburg und dann sind zwei Polizisten gekommen. Es war alles geschlossen wegen Silvester, und sie haben mich in eine Wohnung gebracht. Silvester 2015 habe ich in dieser Wohnung erlebt. Ich habe nur aus dem Fenster geguckt und wusste nicht, was das ist, was da los ist. Aber ich war ja im Zimmer in Sicherheit und nicht draußen. Bei uns in Afghanistan ist es so, wir hören immer die Anschläge jeden Tag. Aber hier feiert man so………Diese Geräusche sind für uns nicht so schön. Wir haben das viel in der Kindheit gehabt.

Ein anderes Beispiel ist Wasser. Ich wohne in Blankenese. Und viele sagen, oh, an der Elbe. Aber das ist für mich nicht interessant. Ich habe im Wasser nichts Schönes erlebt. Ich war auf der Flucht im Wasser. Das Boot war kaputt und ich war drei Tage im Wasser, ohne Trinken, ohne alles. (Lange Pause)

Ja, das vergisst man nicht, ich versuche es zu vergessen. (Lange Pause)

Wir machen eine Pause, trinken Tee, reden ohne Mikrofon.

Neues Land, neue Sprache, neue Schule

BHFI:

Ich würde gerne ein bisschen weiter hören, sechs Monate Deutschkurs und dann Schule.

Shahabedin: Zum ersten Mal jetzt in einer fremden Sprache Schule. Ganz fremd, ich konnte doch so wenig. Und dann hat Axel ganz viele Sachen organisiert. Ich habe eine Nachhilfe mit Lukas. Wir treffen uns immer freitags zum Lernen. Eigentlich wohnt Lukas in Berlin, aber er studiert hier und hilft mir so viel.

Axel:

Als ich merkte, dass Shahabedin da Hilfe braucht, ich aber nicht so der tolle Nachhilfelehrer bin, bin ich zu den Schülerpaten.*** Lukas hat ja gesagt und seitdem haben wir das Thema Nachhilfe gut im Griff. Seit zwei Jahren arbeitet er jetzt mit ihm.

Shahabedin:

Lukas studiert Bauingenieur in der Uni, das ist nicht einfach, und trotzdem macht er mit mir drei Stunden. Deswegen habe ich meinen Abschluss so gut geschafft. Wegen ihm habe ich eine gute Note bekommen in Englisch. Er war drei Jahre in Australien, er kann gut Englisch und jetzt brauche ich das auch in der Berufsschule. Letzte Woche war ich bei ihm, ich wollte eine Präsentation machen auf Englisch, dann hat er eine Stunde ein Rollenspiel gemacht, auf Englisch. Ich war Arzt und er war Patient.

BHFI:

Wenn du jetzt in Ausbildung bist, daraus schließe ich, du hast die Schule gut gepackt.

Shahabedin:

Ja, Schule habe ich mit einem Durchschnitt von 2,1 geschafft (beide total stolz).

Es war für mich nicht einfach, Englisch und Mathematik, habe ich alles bei null angefangen. Ein deutscher Schüler kann zehn Jahre zur Schule gehen, und ich musste das hier in zwei Jahren schaffen. In Afghanistan bin ich zu keiner richtigen Schule gegangen.

Axel:

Er hat mir das mal erzählt. Das war ein Raum für alle Schüler, egal wie alt, alle auf dem Fußboden und dann kam irgendjemand vorbei und hat ein bisschen Unterricht gegeben. Die einzige Qualifikation, die der da vorne haben musste, er musste auch acht Jahre in diesem Raum gewesen sein. Dann war er automatisch Lehrer.

Shahabedin:

Und jetzt in der Berufsschule, mit meinen Klassenkameraden, die haben Abitur oder meistens Realschulabschluss und ich bin dabei!! (Er sagt es mit sehr viel Nachdruck.)

BHFI:

Welche Ausbildung machst Du jetzt?

Shahabedin:

Ich mache jetzt Zahnmedizinischer Fachangestellter und später will ich weiter……. (ein bisschen zögerlich, aber doch bestimmt).

Axel:

Ich habe einfach meinen Zahnarzt gefragt, ob Shahabedin nicht ein Praktikum machen kann.

Shahabedin:

Für meinen Chef war das auch nicht leicht, da kommt ein Ausländer und weiß nicht, wie so eine Praxis funktioniert. Aber er hat trotzdem Ja gesagt. Dann habe ich erst mein Schülerpraktikum dort gemacht und auch das zweite Praktikum im Sommer und dann, ja… Manche Patienten denken erst, dass ich hier geboren bin. Und sie fragen oder wir unterhalten uns, dann merken die, dass wegen Sprache, das fehlt ein bisschen. Na, ein bisschen viel. Dann fragen sie, wie lange ich in Deutschland bin und dann erzähle ich. Und sie sagen „Das hast du gut gemacht, mach weiter so!“

Der Berufswunsch

BHFI:

Gibt es einen bestimmten Grund, warum Du ausgerechnet diesen Beruf gewählt hast?

Shahabedin:

Dort, wo ich herkomme, gibt es keinen Zahnarzt und es war schwer, in ein Krankenhaus zu kommen. Deswegen habe ich gesagt, irgendwie will ich mit Patienten und Medizin arbeiten. Ich möchte in einer Zahnarztpraxis arbeiten. Das war mein Wunsch. Später, wenn ich Abitur machen kann, kann ich da weitermachen. Es gibt viele Möglichkeiten. Aber erst wollte ich jetzt diese Ausbildung machen. Ich hätte auch weiter zur Schule gehen können. Meine Noten waren nicht so schlecht. Aber trotzdem habe ich gesagt, mache ich Ausbildung, das ist besser, auch wegen Asylantrag und so (guckt zu Axel)?

Axel:

Ja, das war derandere Grund, es ist halt einfach sicherer, wenn man eine Ausbildung macht.

Shahabedin:

Ich habe eine Ablehnung bekommen und ja, …

Axel:

Wir mussten zweieinhalb Jahre warten, er hat das erste Mal eine Ablehnung bekommen, weil das Bundesamt ihm nicht geglaubt hat. Und das war eine ganz, ganz schlimme Situation. Ich war mit bei dieser Anhörung dabei. Jeder Geflüchtete kann eine Vertrauensperson benennen, und ich war dabei. Das war eine ganz, ganz schlimme Erfahrung dort, diese Befragung, dieses Verhör, kann man schon sagen. Sie haben ihm nicht geglaubt, aber wir wussten ja, dass seine Geschichte stimmt und haben dann Klage eingereicht. Vor einem Monat, also jetzt im November 2018, waren wir vor dem Verwaltungsgericht, und dann hat die Richterin noch im Gerichtssaal gesagt, dass er Schutz bekommt. Alles haben sie jetzt geglaubt und es war bewiesen. (selbst jetzt noch, beide atmen hörbar auf, als sei es gestern gewesen). Aber zweieinhalb Jahre mussten wir echt zittern und es war eine schwere Zeit.

Einfach wie Familie!

Shahabedin:

Als ich meine Ablehnung bekommen habe, habe ich gesagt, egal, Hauptsache ich bin in Deutschland, in Sicherheit, ich mache einfach weiter, sonst hätte ich weder Ausbildung noch Schule geschafft.

Axel:

Er war echt sehr stark, gut, aber es gab immer mal Tage oder Abende, wo wir ihn wieder einbisschen aufbauen mussten, wenn er bei uns war. (Zu ihm gewandt) „Manchmal hattest Du so Nächte, die waren nicht gut, aber wir haben es irgendwie immer wieder geschafft, dass Du am nächstenTag zur Schule gegangen bist und dann immer weiter, weiter“.

Shahabedin:

Wie Familie …

Axel:

Das war mir auch ganz wichtig, gerade auch nach der Ablehnung, denn ich wusste ja, dass seine Geschichte stimmt. Mich hat das auch so geärgert, ich war so wütend. Na ja und dann haben wir so diese zweieinhalb Jahre gemeinsam durchgestanden. Und im Gerichtssaal, da war außer mir auch noch ein kleiner Fanclub mit, das war am Ende sehr schön.

BHFI:

Ich kann mir vorstellen, das war der größte Moment, als die Richterin sagte …

(Beide können gar nicht so richtig antworten, die Gesichtersprechen einfach Bände.)

Shahabedin:

Jetzt kann ich auch Führerschein machen. Jetzt geht das alles mit dem positiven Bescheid.

Axel:

Er durfte sich ohne dieses Dokument bei der Fahrschule anmelden und auch das Seminar machen, aber um eine Prüfung zu beantragen, brauchte er jetzt dieses Dokument. Und das hat er jetzt seit zwei Wochen. Da hängt einfach viel dran.

BHFI:

Jetzt kommen die guten Nachrichten hintereinander weg.

(Es wird viel gelacht während dieses Interviews, die große Erleichterung ist so spürbar.)

Shahabedin:

Ich habe so viel Glück gehabt, dass ich Axel kennengelernt habe. Wenn ich das mit anderen Flüchtlingen vergleiche, die haben es so schwer, eigentlich wenig Chancen. Es ist schwer, so eine Person wie Axel zu finden. Aber man muss sich halt auch selbst Mühe geben und trotzdem braucht man Unterstützung im fremden Land, ohne Sprache, das ist nicht einfach.S

BHFI:

Ja, normalerweise, wenn man jemanden kennenlernt, dann geht ganz viel über Sprache. Und hier hat man nur das Gefühl, will ich dem trauen oder nicht.

Axel:

Und wenn man dann die ganze Vorgeschichte sieht von Shahabedin, die Gründe der Flucht, das war alles hochdramatisch. Auch die Flucht selbst – er war mehrfach in Lebensgefahr– und kommt dann nach Deutschland, nach Hamburg. Dann ist es schon schwer, Vertrauen zu überhaupt irgendjemanden zu finden.

Shahabedin:

Von Pommes zum Essen für Freunde

Aber jetzt ist Axel meine Familie, ich kenne seine Familie, seine Freunde. Ich bin ein Teil von Axels Familie. Ich habe mit ihnen Kontakt, ich übernachte bei ihm. Und wenn ich einmal Stress habe, dann habe ich jemanden, dem ich das sagen kann. Hauptsache wir sind zusammen und können reden miteinander.

BHFI:

Jetzt musst Du mir nochmal was zum Kochen erzählen. Also Pommes Frites am Anfang, aber das ging ja nicht die ganze Zeit.

Shahabedin:

Ich kann jetzt vieles. Ich erzähle jetzt über Lukas. Lukas ist vegan. Er isst kein Fleisch, keine Milch, keine Milchprodukte und so. Wenn er zu mir kommt, dann gucke ich im Internet. Indisches Essen ist meist ohne Fleisch. Manchmal kommt seine Freundin mit und dann kochen wir. Erstmal lernen wir zwei oder drei Stunden und dann essen wir zu dritt. Letzten Donnerstag war ich bei ihm und da haben wir auch was Veganes gekocht. Aber für seine Freundin mache ich afghanischen Reis mit Köftka (Hackfleischklößchen).

Axel:

Shahabedin sagt jetzt so einfach „und dann mache ich den Reis dazu“. Aber er macht den besten Reis der Welt. Sowieso ist afghanischer Reis superlecker, und wenn Shahabedin ihn macht, dann ist unten im Topf immer so eine kleine Schicht, die ein bisschenknackig und härter ist. Und eben total lecker schmeckt. Und die Gerichte aus diesen Ländern – er kann auch die ganzen Sprachen aus diesen Ländern. Also er kann indisch, er kann türkisch, er ist echt ein Sprachtalent. Wir waren kürzlich beim Inder gemeinsam essen und er spricht mit den Indern, genauso wie er mit den Afghanen und den Persern spricht und den Türken.

Shahabedin:

Bei uns ist türkisch praktisch wie indisch. Nicht so ganz, aber kann man verstehen. In der Kollaustraße waren zwei Betreuer aus der Türkei, da habe ich türkisch gesprochen. Und Dari habe ich einfach auch in Deutschland gelernt. Und jetzt kann ich das alles wieder. Aber Deutsch ist nicht einfach, die anderen Sprachen habe ich leichter gelernt. Die deutsche Sprache ist schwer.

BHFI:

Wir machen hier dieses Interview zusammen, ich gebe mir keine Mühe, langsam zu sprechen, …

Shahabedin:

Ich verstehe alles, aber ich mache trotzdem so viele grammatikalische Fehler.Und jetzt in der Berufsschule, wir bekommen die Unterlagen wie alle anderen Klassenkameraden auch. Das sind Deutsche, die verstehen natürlich alles. Aber wir haben keine Grammatik oder Deutschunterricht, wir lernen wie normale Berufsschüler. Eigentlich wollte ich noch einmal einen Deutschkurs besuchen, um noch besser zu werden, aber ich schaffe es zeitlich nicht. Ich arbeite von 8 bis 18 Uhr. Dann habe ich Nachhilfe. Dann ist die Zeit vorbei.

Wenn ihr vor Publikum wärt?

BHFI:

Ich möchte noch eine Schlussfrage stellen. Bitte stellt Euch vor, wir hätten hier jede Menge Publikum. Was würdest du zu dem Publikum sagen, was wirklich wichtig ist, was Ihr zukünftigen Tandems empfehlen würdest.

Shahabedin:Viele deutsche Menschen haben Angst, dass wir vielleicht etwas Schlimmes machen. Aber so stimmt das nicht, zum Beispiel gibt es von tausend Leuten einen Schlimmen, aber alle anderen sind ganz normale Menschen. Manchmal bin ich in der U-Bahn, und ich sitze neben jemanden und der steht auf und setzt sich auf die andere Seite. Ich bin nicht so ein anderer Mensch, aber solche Menschen gibt es auch. Aber das muss man akzeptieren. Die hören in den Nachrichten etwas Schlimmes über Ausländer und die denken, alle sind so. Aber das stimmt nicht. Die Leute, die nach Deutschland kommen, es ist schwer, wenn man in einem Jahr alles schaffen soll. Es ist so eine andere Kultur, da muss man helfen, einen Weg zu finden.

Ich kenne so viele Menschen, meine Freunde, die studieren hier und machen eine Ausbildung. Es ist doch auch für Deutschland das Beste, wenn man einem Jungen oder Mädchen den Weg organisiert, eine Ausbildung zu machen. Hier in Deutschland haben wir viele Berufe, wo es keine Mitarbeiter gibt. Zum Beispiel in der Altenpflege. Wir brauchen Menschen, die eine solche Ausbildung machen. Wenn man das will, dann muss man das unterstützen.

Axel:

Shahabedin konnte ganz viel alleine machen, aber es gab immer so kleine Momente, wo er dachte: „Wie soll ich das jetzt noch schaffen?“ Und dann war ich zur Stelle und das ist auch schön, wenn man sieht, man muss nicht riesig was organisieren und trotzdem hilft man einem anderen Menschen entscheidend weiter, wirklich entscheidend. Und es ist kein großer Zauber. Einfach nur, was Shahabedin ja vorhin schon sagte, einfach nur dieses reden, was mich als Pate auch extrem vorangebracht hat, den Horizont erweitert hat, das ist unglaublich.

Shahabedin:

Ich wusste überhaupt nicht, wie das geht, diese Kultur in Deutschland. Habe ich so viele Informationen bekommen und jetzt weiß ich viel. Und Axel kennt auch über Afghanistan über meine Kultur, wie das alles läuft. Das finde ich auch gut.

BHFI:

Vielen herzlichen Dank.

Das Interview wurde von Rose-Marie Hoffmann-Riem (BHFI) geführt. Wir danken Axel und Shahabedin für den spannenden Einblick in Ihre Patenschaft. Foto © by Rose-Marie Hoffmann-Riem. Sie interessieren sich für eine Patenschaft? Dann schreiben Sie eine E-Mail an paten@bhfi.de.


 Fußnoten:

*EVE Erstversorgungseinrichtung für unbegleitete Minderjährige.

**In der Sengelmannstraße war die Erstaufnahme für unbegleitete Jugendliche.

***Die Schülerpaten vermitteln seit 2015 1-zu-1-Patenschaften zwischen zugewanderten Schüler*innen und Ehrenamtlichen.

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