„Seit Jahren verstecke ich mein Geheimnis im Herz und jetzt kann ich endlich darüber sprechen…“

Treffen sich zwei, gewinnen Alle

Teil 9 – „Seit Jahren verstecke ich mein Geheimnis im Herz und jetzt kann ich endlich darüber sprechen…“

aufgeschrieben von Rose-Marie Hoffmann-Riem (BHFI)

(Dieses Interview als PDF lesen)

In unserer Kolumne Treffen sich zwei, gewinnen Alle, greifen wir jeden Monat die Tradition des Geschichten Erzählens auf, denn sie funktioniert überall gleich – sie bringt Menschen zusammen. Mit der GelingensGeschichte dieses Monats wollen wir zugleich auf die Unterstützerorganisation QUEER REFUGEES SUPPORT (QRS) hinweisen. Sie kümmert sich um geflüchtete Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nach Deutschland geflohen sind. Wie in unserer Geschichte von Ameer, findet das Outing sehr oft erst in einem gesicherten, vertrauten Umfeld statt – in ihrer Heimat sind sie stigmatisiert und als Kriminelle verfolgt. Meine Gesprächspartner kennen sich über QRS. Später wird davon noch weiter die Rede sein.

Wir sitzen zu viert am Tisch, Ameer Al Tameemi ist ein bißchen nervös und bereits in diesen ersten Minuten wird die Rollenverteilung zwischen den drei Männern deutlich. Günter legt während des ganzen Interviews seinen Arm um Ameers Schulter. Er wirkt wie sein Beschützer. Ameer, ein schmaler Mann, fast zwei Köpfe kleiner als Günter Gaida, sucht immer wieder Blickkontakt. Um dann in seinen Antworten fortzufahren. Mohammad Lababidi, versiert in beiden Sprachen und in seiner Rolle als Dolmetscher. Es ist ihm anzumerken – er ist angekommen in Deutschland. Er beginnt auch als Erster mit seiner Vorstellung.

Das Tandem

Mohammad: Ich bin Mohammad und komme aus Aleppo in Syrien. Seit ungefähr 3 ½ Jahren bin ich in Deutschland. Günter bat mich, als Sprachmittler dabei zu sein. Zurzeit mache ich meinen Master zum Bauingenieurwesen und bin ehrenamtlich tätig im Magnus-Hirschfeld-Centrum e.V. (MHC) und bei QRS. Ich leite ein Treffen zweimal im Monat für die LGBTIQ-Geflüchteten (lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter* oder queer ) und dolmetsche für sie. Alles was anliegt, psychische Probleme, Gesundheit, Transition (Geschlechtsangleichung), Papiere, JobCenter, ganz unterschiedlich.  Vor allem aber für Fragen, die mit Asylverfahren und Fluchtgründen zu tun haben. Über diese Treffen habe ich auch Ameer kennengelernt.

Das ist eine gute Überleitung zu Ameer, bitte.

Ameer (übersetzt von Mohammad): Ich komme aus dem Irak und bin 23 Jahre alt. Im September 2017 kam ich in Berlin an und wurde dann nach Hamburg transferiert; nach Berne in den Bargkoppelstieg. Nach meinem Ablehnungsbescheid musste ich nach Rahlstedt. Ich bin im Camp in Rahlstedt lange geblieben, von Oktober 2017 bis August 2018. Dort habe ich Günter und QRS kennengelernt.

Günter, sagst Du bitte einige Sätze zu Deinem Engagement bei QRS, bevor wir mit Ameers Geschichte fortfahren?

Günter: Ich gehöre zum Team von Queer Refugees Support Hamburg (QRS). Von dieser Gruppe aus betreue ich schwule Geflüchtete. Die Gruppe entstand während der großen ersten Flüchtlingswelle.  Unter den Helfer*innen im Herbst 2015 waren auch einige Frauen. Diese Frauen haben mitbekommen, wie sehr die queeren Geflüchteten von anderen Geflüchteten gemobbt werden. So ist unsere Initiative entstanden. Wir haben ganz klein begonnen mit einem geschützten Raum. Seit drei Jahren mieten wir diese Räume jeden Dienstag für drei Stunden als Anlaufstelle für Beratung und Treffen der Geflüchteten. 

Das Kennenlernen

Und jetzt zurück zu Euch, wie wurdest Du auf Ameer aufmerksam?

Günter: Alle Geflüchteten haben einen Ansprechpartner/eine Ansprechpartnerin in ihrem jeweiligen Camp. Alexandra ist eine der Sozialarbeiterinnen in Rahlstedt. Sie erkannte, dass Ameer schwul ist und kümmerte sich um den Kontakt zwischen ihm und mir. 

Zu Ameer gewandt: Kannst Du bitte noch einmal schildern, wie das erste Zusammentreffen war? Da sitzt Dir Alexandra gegenüber und Du sprichst mit einer quasi fremden Frau zum ersten Mal über Dein Schwul-Sein.

Ameer (Mohammad): Also, ich war so ganz einsam in Deutschland, habe überhaupt nichts gemacht, keinen Kontakt gehabt für ungefähr ein Jahr. In dieser Zeit war irgendwie alles schief. Kein Geld und viele Probleme, und keine Freunde und keine Sprache und kein Vertrauen. Nur mit einem irakische Jungen im Camp, das ist jetzt ein Freund von mir. Er sagte immer schöne und nette Sachen über Alexandra und dass sie eine gute Freundschaft haben. Ich habe ein Herz gefasst und mich bei ihr geoutet.

Er sagte, geh mal zu Alexandra, sie ist sehr freundlich und wird das alles gut verstehen. Vor unserem Treffen hat mein Freund Alexandra erklärt, welche Schwierigkeiten ich habe. Ich konnte Vertrauen zu ihr aufbauen und mich mit ihr befreunden und meine Geschichte auch erzählen. Ja, so war das und bis heute nenne ich sie »meine Schwester«. Und sie sagt »Du bist mein kleiner Bruder«.

Mohammad: (ergänzt) Normalerweise ist die Kommunikation nicht so freundlich und so persönlich, der Sozialarbeiter/die Sozialarbeiterin sagt, ich bin für vierzig Leute zuständig, was willst Du denn jetzt. Mach schnell und zack, zack.

Wenn ich richtig nachgerechnet haben, waren es quasi sieben bis acht Monate durch die Institutionen, bis es eine persönliche Begleitung gab.

Ameer (Mohammad): Immer wenn ich zu Alexandra gegangen bin, sagte sie mir, es gibt Leute für dich von Queer Refugees Support. Sie gab mir die Adresse, aber ich traute mich nicht so richtig. Sie hat dann Kontakt mit Günter aufgenommen und Günter kam dann in die Unterkunft.

Günter: Alexandra ist großartig. Sie hat nicht lockergelassen; meinen Facebook Account ausfindig gemacht und mich dann angeschrieben. Sie wusste, Ameer braucht persönliche Begleitung.

Ameer (Mohammad): Günter kam im März 2018 ins Camp. Er hat mich ernst genommen. Die Kommunikation war sehr freundlich. 

Günter: Man kann ja nicht mit jedem. Aber bei Ameer war es so, er strahlte mich an und es machte „klick“, ich fand ihn sehr sympathisch und so ging es los. 

Ameer wusste, dass er sich vor dir nicht verstecken musste, er wusste, er hat auch einen schwulen Mann vor sich.

Günter: Ja, das mache ich immer so, dass ich mir nicht nur ihre Geschichte anhöre, ich erzähle dann auch über mich. Ich bin zwar in Deutschland groß geworden, aber ich weiß natürlich um die Probleme. Dann hat er berichtet und mir war gleich klar, wir haben nicht viel Zeit, wegen der drohenden Abschiebung. Alexandra hatte mich schon vorab informiert, dass er aus Rahlstedt raus muss. Es soll ja auch im Camp niemand erfahren, wer schwul ist. Denn auch im Camp ist das eine Stigmatisierung. 

Für diese Fälle können wir (QRS und MHC) queere Unterkünfte vermitteln, die es in einigen wenigen Camps gibt. 

Die drohende Abschiebung

Ameer (Mohammad): Ein Tag nach unserem ersten Gespräch war Günter mit mir zur Anwältin, da eine Klage beim Verwaltungsgericht nötig war, um die drohende Abschiebung zu verhindern. Und Mohammad war als Sprachmittler dabei. So haben wir uns kennengelernt.Ich brauchte so viel Hilfe und Unterstützung. Dann ist die Beziehung zwischen uns nicht nur eine Beziehung zwischen Supporter und Refugee, sondern Freundschaft geworden.

Günter: Er ist auch zu mir in meine Familie gekommen, wir sind so eine Regenbogenfamilie geworden. Es hat nicht mehr lange gedauert, bis ich ihn überreden konnte zu unseren Dienstagstreffen und zum MHC zu kommen. Ich wollte, dass er weiß, dass er nicht alleine ist. Dort treffen sich queere Menschen unter anderem aus dem Irak, Afghanistan und Syrien. 

Wenn Du sagst, komm doch mal zu unseren Dienstagstreffen, was bedeutet das?

Günter: Wir treffen uns beim QRS einmal die Woche und jedes Thema ist willkommen. Unsere Aufgabe ist es, queeren Menschen zu sagen, dass sie ein besonderes Schutzrecht haben, wenn sie sexuell verfolgt sind. Genauso wie die unter 18-jährigen Menschen und alleinstehende schwangere Frauen. Bei uns wird alles besprochen, ob Probleme mit dem JobCenter, mit Papieren, mit Gewalt/Mobbing im Camp, was auch immer. Wir können keine finanziellen Hilfen geben, aber wir sind sehr gut vernetzt mit Anwältinnen, anderen Einrichtungen sowie dem MHC. Die haben mehr Power, zum Beispiel bei den Behörden, wir sind ja nur eine freie Gruppe. 

Bedeutet das auch, dass Ihr nur dann arbeiten könnt, wenn jemand wie Ameer den Mut hat, sich einem Menschen anzuvertrauen und zu sagen, ich bin schwul?

Günter: Ja na, nicht nur, die Geflüchteten sind ja alle heutzutage vernetzt mit Whatsapp und Facebook. (Und zu Mohammad gewandt:) So bist Du ja auch zu uns gekommen.

(Zu Ameer gewandt:) Dein Freund war der erste, dem Du es überhaupt erzählt hast in Deutschland. Dann Alexandra und Günter und allmählich ging die Tür auf. Etwas, was lange Jahre ein Geheimnis war, das ist ja schon eine ganz besondere Geschichte.

Ameer (Mohammad): Seit Jahren verstecke ich mein Geheimnis im Herz und jetzt kann ich endlich darüber sprechen. (ein berührender Satz – jetzt braucht es doch eine kleine Umarmung von Günter

Wie habt Ihr Euch verständigt?

Ameer (Mohammad): Es war ein Problem für mich. Ich bin fremd in diesem Land, ich kann diese Sprache nicht, aber Gottseidank konnte ich mit Günter Englisch sprechen. Es ist nicht besonders gut, mein Englisch, aber Günter ist ein so geduldiger Mann. Durch unsere Gespräche wurde auch mein Englisch besser. 

Günter: Und wenn es nicht mehr weitergeht, dann gibt’s den Google-Translator. Es funktioniert nicht immer, aber so leidlich.

Duldung und Sprache

(Zu Ameer gewandt:) Und wie geht es mit dem Erlernen der deutschen Sprache? Bist Du jetzt in einem Sprachkurs?

(Es gibt eine längere Diskussion zwischen Ameer und Mohammad, bevor die Antwort kommt. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass durch den unklaren Aufenthaltsstatus die Motivation zum Erlernen der deutschen Sprache noch nicht so hoch ist.)

Ameer (Mohammad): Ich habe nur einen Alphabetisierungskurs besucht und dann nicht mehr. Ich muss arbeiten. Ich habe einen Vollzeitjob bei Amazon und besuche keine Schule.

Günter: Er hat eine Anfahrt von 1,5 Stunden jeden Tag und arbeitet Vollzeit. Es ist einfach keine Zeit, dann auch noch einen Sprachkurs zu besuchen. 

Ameer (Mohammad): Ich habe versucht, alles unter einen Hut zu bringen, aber es geht einfach nicht. Ich habe Erlaubnis zu arbeiten und ich kann auch die Schule besuchen, wenn ich Zeit habe. Zurzeit habe ich noch keine Aufenthaltserlaubnis, sondern nur eine Duldung.

Günter: Am Telefon versuchen wir jetzt schon immer, Deutsch miteinander zu sprechen.

(Direkt zu Ameer:) Du verstehst uns aber doch schon, was hier sprechen?

Ameer wehrt ab (in deutscher Sprache): Nein, ich verstehe überhaupt nichts, weil … 

Mohammad: (ergänzt) Weil es einen Dolmetscher gibt, so muss er nicht aufmerksam sein. (Alle lachen miteinander, trotz des etwas heiklen Themas)

Das beste von den schlechten Camps

Gibt es denn auch eine Möglichkeit, die Wohnungssituation zu verändern?

Ameer (Mohammad): Also an eine Wohnung kann ich überhaupt nicht denken. Ohne Aufenthaltserlaubnis ist es überhaupt nicht möglich. Ich versuche, über Vollzeitarbeit meine Zeit zu füllen. Die einzige Möglichkeit, ein gutes und sauberes Camp zu finden, mehr geht nicht.

Günter: Wir haben dafür gesorgt, dass er ins Camp in die Notkestrasse kommt in die WG, die ausschließlich von queeren Geflüchteten belegt ist. Er hat im gleichen Camp jetzt ein Einzelzimmer. Das ist schon ganz gut. Die Notkestrasse ist eines der besten Camps.

Mohammad: (wirft ein) Es ist eines der besten von den schlechten Camps.

Ameer (Mohammad): Es gefällt mir nicht, dass ich im Camp wohne, aber ich muss damit umgehen. Ich übernachte im Camp und ansonsten bin ich die ganze Zeit weg. Ich finde dort keine Ruhe. Ich arbeite, ich treffe mich mit anderen Menschen. Es ist nicht so bequem, ich bin immer abhängig von Regeln. Ich darf keinen Besuch bekommen. Und wenn man für lange Zeit dort wohnt, ist das echt schwierig. 

Günter: Er traut sich jetzt auch schon einmal in die schwule Szene, was ja auch ganz gut ist.

Ameer (Mohammad): Ja, weil das sehr schön ist für mich, neue Kontakte zu knüpfen, mit denen man kann aus dem Herz sprechen, die Leute sind nicht böse, sie sind auch aus der LGBTI* Community. Keine Diskriminierung. Alle Mitarbeiter*innen sind sehr freundlich, auch die Dolmetscher*innen. Auch die sind meine Freunde. So wie Mohammad (zu ihm gewandt)

Wie geht es weiter? Was sind die nächsten wichtigen Schritte?

Ameer (Mohammad): Also, in der Vergangenheit hatte ich viele Probleme und ich habe mir nur Sorgen gemacht. Aber jetzt bin ich überzeugt, das was ich jetzt habe, muss ausreichen. Ich habe ein eigenes Zimmer, ich gehe zur Arbeit. Ich habe zwar keine Aufenthaltserlaubnis, aber ich bin auf dem Weg, sie zu bekommen. Ich kann noch kein Deutsch, aber irgendwann erreiche ich mein Ziel. Ich möchte legal hier bleiben und alles andere kommt langsam.

Günter: Ziel ist jetzt, den Prozess zu gewinnen, um dann den anerkannten Flüchtlingsstatus zu haben. Dann muss er auch wirklich Deutsch lernen und eine Ausbildung machen, er ist ja noch sehr jung. Und durch den Job bekommt er natürlich auch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, er kann sich Sachen kaufen und das ist natürlich toll für ihn.

Ameer (Mohammad): Also jetzt geht es mir besser als früher, weil es ist eine Anwältin da für mich. Und ich habe einen Arzt und einen Psychiater, die für mich da sind. Ich bin damit zufrieden. Natürlich Sprache und Aufenthaltserlaubnis, alles eine Frage der Zeit.

Günter: Ameer ist (fast) angekommen, hat Freunde gefunden, er kann arbeiten, wohnt in einem Camp, was vergleichsweise gut ist und es gibt gute Aussichten für den Prozess.

Und das alles, wegen einmal Mut haben! Vielen lieben herzlichen Dank für dieses Gespräch

Das Interview wurde von Rose-Marie Hoffmann-Riem (BHFI) geführt. Wir danken Günter Gaida, Ameer Al Tameemi und Mohammad Lababidi für den spannenden Einblick in ihre Patenschaft. Foto: © by Rose-Marie Hoffmann-Riem. Sie interessieren sich für eine Patenschaft? Dann schreiben Sie eine E-Mail an paten@bhfi.de.

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